Nachgedanken

So, jetzt bin ich schon 14 Tage wieder zu Hause. Aber ich bin noch nicht wieder angekommen. Jeden Tag kommen viele Erinnerungen an den Weg zurück. Manchmal sind es richtige Tagträume. Es ist so als müsste ich jeden Tag, den ich gepilgert bin, noch mal mit der Seele nachlaufen um all das Unglaubliche für mich begreifbar zu machen. Ich habe noch Kontakt zu meinen Pilgerbruder Udo und Pilgerschwester Nicole. Denen geht’s es genauso.

Udo z. B. schreibt mir, dass er zwar zu Hause sehr oft alleine ist, aber jetzt fühlt er sich noch einsamer als vorher. Ihm fehlt, wie mir, die Gemeinschaft und die grenzenlose Freiheit.

Ich hab mir vorgenommen, wenn es die Zeit erlaubt, wieder den Weg zu gehen.

Der Weg hat mir sehr viele neue Facetten des Lebens gezeigt; dass es nicht nur Arbeit und Stress gibt. Der Weg hat mir weiterhin gezeigt, dass ich mich gar nicht so viel zu verändern brauch. Den Spruch, den ich in einer Herberge gezogen habe: Die Vernunft ist der Feind meines Herzens – trifft ja wohl voll auf mich zu. Ich werde mich, was mir der Weg auch gezeigt hat etwas mehr in Toleranz üben.

Probleme, welche ich auf dem Weg lösen wollte, konnte ich nur sortieren in wichtige und unwichtige. Die Wichtigen holten mich zu Hause wieder ein. Aber die unwichtigen Dinge sind auf dem Weg geblieben.

Zur Statistik vielleicht etwas zu sagen:

Ich bin in 33 Tagen 897 km gepilgert.

Bis Santiago waren es 780 km in 29 Tagen.

Nicht mitgerechnet sind die Wege, die man in den Städten und Dörfern nach der eigentlichen Pilgerei zurückgelegt hat.

Durchschnittlich bin ich jeden Tag 27,2 km gepilgert.

 

Um alles auf einen Nenner zu bringen:

Es war ein Erlebnis, welches ich nie missen möchte.

Eine Erfahrung, die ich sonst nie gemacht hätte.

Eine meiner größten Herausforderungen in meinem Leben,

die ich nie vergessen werde.

 

Früher, als ich noch kein Pilger war,
War ich oft auf Wanderschaft.
Oft verließ ich mein Haus.
Doch ich kehrte wieder zurück.
Nach einem Tag...
Nach einer Woche...
Nach einem Monat...
Nach einem Jahr.

Dann traf mich der Ruf zum Pilgerweg.
Wieder verließ ich mein Haus.
Doch ich blieb auf dem Weg..
Ich kehrte nicht mehr zurück. Dieser Weg ist solang.
Er endet nicht nach einem Monat...
Nicht nach einem Jahr...
Nicht einmal in Santiago.

Als ich dachte, am Ziel zu sein,
war ich an einem neuen Anfang.
Doch nun wusste ich ganz genau was ich suchte...
Was ich immer gesucht hatte...
Und ich wusste ganz genau,
wo ich es finde.


E. Alfernik